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Vom Glück der Ersten Flieger Revevue 4/86 Es war mehr ein Zufall, der uns zusammenführte. Wir kannten uns nicht, hatten aber, wie sich sehr bald herausstellte, gemeinsame Bekannte, Freunde, Genossen -und einen sehr ahnlichen Ausgangspunkt unserer persönlichen Entwicklung, der unser ganzes weiteres Leben bestimmte. Der lag zwar weit über dreißig Jahre zurück, und obwohl raumlich voneinander entfernt, gab es so viele Gemeinsamkeiten, daß es nach den Jahren selbst uns Betroffene staunen machte. Da war die Leidenschaft zum Segelflug, da war die uns vom faschistischen Krieg gestohlene Jugend, da waren die ersten Bewahrungen in der Antifa-Jugend, die verstandnis-volle Fürsorge der Genossen, die das Nazi-Grauen überlebt haften, und dann die Gemeinschaft der FDJ, in der wir so manchen Sturm in den Kampten der ersten Nachkriegsjahre bestanden. Der heutige Dr. Werner Krüger, Wissenschaftlicher Mitarbeitër im Ministerium für Auswartige Angelegenheiten, und ich, der Chefredakteur der FLIEGER-REVUE, waren beim Austausch der Erinnerungen sehr schnell in jenem ereignisreichen Jahr 1950. Meine Geschichte ist schnell erzählt, die des Genossen Dr. Krüger wird etwas länger sein. Ich marschierte damals mit meiner FDJ-Modellfluggruppe singend duren die Zittauer Straßen, die Flugmodelle hoch erhoben, damit alle sehen sollten, daß wir da sind: die Freunde, daß sie mit uns rechnen konnten, und die Feinde, daß sie mit uns rechnen mußten. Voran wehte uns ein FDJ-Wimpel, auf den unsere Mädchen die weißen Schwingen der Segelflieger gestickt haften, Ausdruck unserer Sehnsucht, die wir eines Tages zur Wirklichkeit machen würden. Dann war das alles ganz plötzlich für mich vorerst zu Ende. Die Genossen der SED-Kreisleitung hatten mich gerufen und stellten mich vor eine Frage, die mein ganzes Leben entscheiden sollte: „Wir wissen, daß Du Flieger werden möchtest, wir wissen aber auch um Dein Talent, Geschichten zu erzählen. Talente zum Fliegen gibt es mehr als Talente zum Schreiben. Daß Du weißt, wo Du hingehörst, hast Du bewiesen. Deine Bildung aber, die Du vom .Tausendjahrigen Reich' mitgeschleppt hast, die ist dürftig. Wir schicken Dich deshalb zum Studium!" Für mich trat damit der Gedankean das Fliegen vorersteinmal in den Hintergrund. Bis ich mit einem SG-38 starten sollte, bis ich den Auftrag erhielt, als Flug-sport-Redakteur eine GST-Fliegerzeitschrift herauszubringen, sollte noch einige Zeit vergehen K. H. Hardt
Von dieser Zeit erzahlt Dr. Werner Krüger: Als ich 1948 in meine Geburtsstadt Eberswalde heimkehrte, stand mein Entschluß fest: ich würde mich aktiv am Neuaufbau beteiligen, mit allen Konsequenzen. lm Februar 1949 wurde ich Mitglied der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands. Als junger Genosse war mein Platz natürlich vor allem in der Jugendarbeit. Nie werde ich aus dieser Zeit die Genossen Lietz vergessen, zwei Brüder, Arbeiter und Kommunisten, die mich politisch denken und handein lehrten und mein ganzes Leben so entscheidend und nachhaltig pragten.Es war im Frühling 1950, als mich die Genossen fragten: „Willst Du wieder fliegen?" Natürlich wollte ich! Das erschien mir als die Chance meines Lebens. Für mich war es ein großes Glück, vor der Kommission des FDJ-Zentralrates zu bestehen. Am 12. April 1950 fanden sich 25 Jugendfreunde mit dem Auftrag, den Grundstock für den DDR-Segelflug zu schaffen, in Ribnitz-Damgarten ein. Wir kamen aus allen Teilen unserer gerade erst vor einem halben Jahr gegründeten DDR: der Arbeiterflieger Karl Liebeskind aus Eisenach, Gerd Salzmann aus Berlin, Fritz Rothmann aus Cottbus, Günter Schöps aus Staßfurt, Ernst Reinecke aus Warnemünde und all die anderen, die für die Aufgabe brannten. Ähnlich war es mit unserem Flug- und Bo-dengerat, das aus allen Gegenden unseres Landes zusammengesucht war. Unser be-stes Stück war ein Baby II b. In der ehemaligen Feuerwehrhalle von Ribnitz-Damgarten lagerten die Teile von zwei Schulgleitern SG-38 und eines Leistungs-Segelflugzeuges vom Typ Meise. Wir verfügten auch über ein Gummiseil, über mehrere „Kullerchen" und eine altersschwache Motorwinde. Alles befand sich in einem bejammernswerten Zustand. Doch FDJIer sind nun mal praktisch veranlagte Menschen, die sich vor keiner Arbeit scheuen. Jedenfalls machten wir zu-nachst das Baby flugtüchtig. Zwei Wochen später war es soweit. Der Morgen des 24. April 1950 war grau. Geschlossene Wolken-decke, Nieselregen, böig springender Wind von Süd auf Südwest. Wir setzten trotzdem unser Baby auf das „Kullerchen" und zogen zum Platz hinaus. Hochstimmung, trotz des grauverhangenen Himmels, mehr Flieger-als Flugwetter. Wir brachten die Maschine auf die Andeutung eines Hügels am Rande des Platzes, denn schließlich brauchten wir ein wenig Höhe für den Start mit dem Gummiseil. Die Grasnarbe war nicht fest, die Kufe versank. Dicke Bohlen mußten als Start-rampe her. Dann war alles bereit. Nur wer den ersten Start machen sollte, stand noch aus. Ich weiß nicht mehr, wer auf die Idee kam, aber sie tand die Zustimmung aller: Unsere beiden al-testen Segelflieger sollten urn den ersten Start knobeln. Karl Liebeskind gewann. Karl war schon längst zur anerkannten Autorität der Gruppe geworden, und das nicht nur aufgrund seines Alters, sondern vielmehr wegen seiner menschlichen Qualitäten. Karl Liebeskind kletterte in das Baby und schnallte sich an. Haube drüber. Das Gummiseil wurde eingehängt. „Haltemannschaft?"„Fertig!" „Startmannschaft?"„Fertig!" „Ausziehen!" Die „Gummihunde" an beiden Seiten des V-förmig ausgelegten Seiles setzten sich in Bewegung. „Laufen!" Das starke Gummiseil dehnte sich. „Los!" Die Haltemannschaft ließ das Knotenseil am Schwanzsporn fahren. Ächzend rutschte die Maschine über die Bohle, wurde schneller, hob ab, und flog! Alles erstarrte, auch die Seilmannschaft. Sekunden nur, bis sie zur Seite spritzen mußte, denn Karl war heran. Höhe: knappe zehn Meter, und vielleicht 200 Meter weit. Kein Ikarusflug, nein! Aber aus heutiger Sicht war das ein Flug von historischer Dimension. Die Spannung schlug in laute Begeisterung um. Alles umarmte sich, klopfte sich gegenseitig auf Schultern und Rücken, schrie durcheinander. Karl wurde aus dem Cockpit gezogen und jubelnd zum Startpunkt zurück getragen. Dann folgte Start auf Start. Alle kamen an die Reihe. In den nächsten Tagen ging es munter weiter. Bis wir zu dem Schluß kamen: „Männer, das ist doch kein Fliegen! Die Winde muß in Ordnung gebracht werden!" Da weder Baby noch Meise einen Windenhochstart vertragen würden, nahmen wir die beiden Schulgleiter unter die Lupe. Ein reges Hobeln, Leimen, Feilen und Kleben begann. Am 1. Mai, dem Internationalen Kampftag der Werktätigen, marschierte unsere Gruppe mit wehender roter Fahne, begleitet von neugierigen Blicken, durch Ribnitz-Damgarten. Mitte Mai waren dann beide Schulgleiter und auch die Seilwinde startfertig. Mit dem SG-38 machten wir die ersten Sprünge, auf dem SG-38 mit Boot die folgenden Hochstarts. Ende Mai vertäuten wir unsere Meise auf einem LKW-Anhänger und bestiegen die 'Zugmaschine zur Fahrt nach Berlin zum Deutschlandtreffen der FDJ. Aufdem Thälmann-Platz bauten wir ein Holzpodest für unsere Meise auf. Da traf das Geschenk des Jugendver-bandes Volkspolens an die FDJ ein. Es war eine Mucha, ein Leistungssegelflugzeug, das nun den Platz auf dem Podest einnehmen sollte. Hier empfingen wir hohen Besuch: den Genossen Walter Ulbricht, Generalsekretär der SED, unseren Genossen Erich Honecker, den Vorsitzenden der FDJ, und Genossen Heinz Kessler, Sekretär im FDJ-Zentralrat. Viele flugbegeisterte FDJler kamen zu uns, diskutierten, freuten sich. Unter ihnen war auch Genösse Karl Heinz Hardt, der heutige Chefredakteur der FLIEGER-REVUE, damals Student in Leipzig. Als der Zug von 700 000 Jugendlichen am 30. Mai 1950 für Frieden und Völkerfreundschaft durch die vom faschistischen Raubkrieg noch stark gezeichnete DDR-Hauptstadt demonstrierte, waren auch wir „Damgarte-ner" dabei. Viele von uns trugen stolz das „Abzeichen für gutes Wissen", das wir erworben hatten. Fast 36 Jahre sind inzischen vergangen. Nachdem ich in Niederlehme noch meine C-Prüfung gemacht hatte, mußte ich damals der aktiven Fliegerei ade sagen. Studium, Parteiarbeit, journalistische, schließlich internationale Tätigkeit ließen beim besten Willen keinen Platz mehr für diese schönste aller Wehrsportarten. Meine Verbundenheit und Begeisterung für unsere Fliegerei lebte aber in mir Fort-ungebrochen bis zum heutigen Tag. Luftfahrt-Literatur und FLIEGERREVUE wurden meine steten Wegbegleiter. Wenn es die Zeit erlaubte, träumte ich als Zaungast an GST-Flug platzen den startenden und in der-Thermik kreisenden Segelflugzeugen nach. An welchen Platz auch immer die damaligen FDJ-Segelflieger, die Ersten, gestellt waren, sie wurden zu aktiven Mitgestaltern unserer sozialistischen Gesellschaft. Ich denke vor allem an meine unvergessenen Lehrgangskameraden Karl Liebeskind, Gerd Salzmann und Ernst Reinecke, die nicht mehr unter uns sind; aber ebenso an Fritz Rothmann, Günter Schöps und die anderen, die durch ihre jahrzehntelange Arbeit und fliegerischen Leistungen am Aufbau und der Entwicklung des DDR-Flugsports bedeutenden Anteil haben. Mit ebensolchen Stolz bewundere ich die hervorragenden Leistungen der uns nachgefolgten GST-Flieger. Und es wird mir warm ums Herz bei dem Gedanken, daß sie nicht nur ihr Fluggerät perfekt beherrschen, sondern sich - wie wir damals - unter Führung unserer Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands jederzeit ihrer politischen Pflicht und Verantwortung bewußt sind, unsere DDR zu stärken und zu schützen. Dr. W. Krüger |
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